Hugo Reichmann, *1882
FLUCHT 1933 BRASILIEN
FLUCHT IN DEN TOD 7.6.1939 SAO PAULO
Achimer Straße 32
Bremen-Östliche Vorstadt
Verlegedatum: 14.04.2026
Achimer Straße 32 - Weitere Stolpersteine:
Hugo Reichmann

Familienbiografie
Hugo Reichmann
Herbert Ludwig Reichmann
Ida Reichmann, geb. Scherk
Hugo Reichmann wurde am 15.5.1882 in Mollenfelde/Kreis Göttingen geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Levy Reichmann (1850–1928) und Pauline (geb. Katz 1846–1934), beide jüdischen Glaubens. Er wuchs mit seinen Geschwistern Hermann (geb. 1881) Henriette (geb. 1885) und Frieda (geb.1887) auf. Im Oktober 1884 verzog die siebenköpfige Familie von Mollenfelde nach Göttingen. Seit 1912 wohnten sie in dem Haus Untere Marschstraße 23, das sich bis 1935 im Besitz der Familie befand.
Hugo Reichmann schloss 1906 sein Studium der englischen Philologie mit Promotion ab. Bereits 1913 lebte er in Bremen und wurde mit Kriegsausbruch zur Reichswehr eingezogen. Nach seiner Entlassung 1918 lebte er zunächst in Soltau und lernte hier vermutlich seine spätere Frau Ida Scherk kennen, die als Dolmetscherin tätig war.
Sie war geboren am 25.8.1895 in Posen als Tochter des jüdischen Bücherrevisors Louis Scherk und dessen Frau Gertrud (geb. Klemperer). Die Heirat fand am 7.11.1918 vor dem Standesamt Berlin-Wilmersdorf statt, dem Wohnort ihrer Eltern. Mitte November 1918 kehrte Hugo Reichmann nach Bremen zurück, seine Frau folgte ihm Ende des Monats.
Das Ehepaar bezog zunächst eine Wohnung in der östlichen Vorstadt, ab 1923 waren sie eine von drei Parteien in der Achimer Straße 32. Zwei Jahre später am 27.1.1925 wurde der einzige Sohn Herbert Ludwig geboren. Es gab ein Dienstmädchen und eine Reinigungskraft in der Vierzimmer Wohnung. Wenige Monate bevor sie das Deutsche Reich verließen, hatten sie eine Wohnung in der Manteuffelstraße.
Bis 1920 war Dr. phil. Hugo Reichmann beim Norddeutschen Lloyd angestellt. Danach war er als kaufmännischer Angestellter, bzw. Handlungsgehilfe tätig. Mit Beginn des Jahres 1932 unterrichtete er als Privatlehrer seine Schüler zuhause. Durch die Boykottmaßnahmen gegen Juden nach der Machtübernahme des NS-Regimes waren die Einkünfte aus dem Sprachunterricht rückläufig.
Hugo und Ida Reichmann entschlossen sich 1933 zur Auswanderung nach Sao Paolo/Brasilien. Zur Finanzierung der Reise und der ersten Zeit im Ausland verkauften sie ihr Hab und Gut. Für die Überfahrt am 25.11.1933 ab Bremen mit dem Schiff „Madrid“ buchten sie eine Kabine der „Mittelklasse“.
In Brasilien unterrichtete Hugo Reichmann und übernahm Übersetzungen. Doch der Verdienst war zu gering für die Familie. Aus diesem Grund entschloss sich Ida Reichmann in ihrer Wohnung eine Pension zu eröffnen. Sie bekochte ihre Gäste und wusch sogar deren Wäsche. Der Sohn Herbert ging zur Schule.
Hugo Reichmann konnte sich vermutlich in der neuen Heimat nicht zurechtfinden, wurde depressiv und zeigte ein ungewöhnlich auffälliges, teilweise gewalttätiges Verhalten, das sich störend auf die Pensionsgäste auswirkte und auch die Ehe belastete. Seine suizidalen Gedanken gab er an seinen Sohn weiter, so dass dieser einen Selbstmordversuch unternahm. 1939 sprach das Gericht auf Ida Reichmanns Betreiben die „Trennung von Tisch und Bett“ aus. Das kam nicht einer Scheidung gleich, ermöglichte jedoch der Ehefrau unabhängig von ihrem Mann ein Leben zu führen.
Am 7.6.1939 wurden der 55-jährige Hugo Reichmann und sein 14-jähriger Sohn in der Wohnung Nr. 4 in der Guararà Nr. 172 tot aufgefunden. Der Amtsarzt attestierte Selbstmord in beiden Fällen. Hugo Reichmann hatte einen Schuss auf seine linke Brustseite abgegeben, die nicht den sofortigen Tod zur Folge hatte. Als sein anwesender Sohn Herbert dies bemerkte, feuerte er noch zwei Schüsse auf seinen Vater ab, richtete dann die Waffe gegen sich selber und setzte seinem Leben ein Ende. Vater und Sohn wurden auf dem Friedhof zu Vila Mariana beigesetzt.
Ida Reichmann blieb nach Ende des Weltkriegs in Brasilien, nahm die brasilianische Staatsbürgerschaft an und arbeitete später als Lehrerin. Hugo Reichmanns Bruder Hermann wählte 1935 den Freitod, seine Schwester Frieda wurde im Ghetto Warschau ermordet. Ida Reichmanns Schwestern überlebten und starben in den 1980er Jahren.
Kornelia Renemann (2026)
Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen StA 4,54-E10480, Einwohnermeldekartei
Klemperer, Yvonne (United Kingdom), Privatsammlung
Thünken-Klemperer, Privatsammlung
Morris, Kathrin: Schwierigkeiten emigrierter Frauen. Eine autobiographische Studie. Erschienen in: Alternative Lateinamerika. Das deutsche Exil in der Zeit des Nationalsozialismus
Ortsfamilienbuch der Juden im Deutschen Reich (online)
Abbildungsnachweis: Privatbesitz

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