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Marion Stein, *1932

GEBOREN IN ANTWERPEN, AB 1943 VERSTECKT, ÜBERLEBT


Sielwall 79
Bremen-Östliche Vorstadt

Verlegedatum: 14.04.2026


Sielwall 79 - Weitere Stolpersteine:


Marion Stein

Marion Stein

Familienbiografie

Wilhelm Stein
Georgina Stein, geb. Zeckel
Rolf Stein
Marion Stein

Wilhelm Stein wurde am 18.10.1879 in Bremen geboren. Er war der dritte Sohn von Isaac Wolff Stein und Amalie, geb. Seelig. Die Eltern besaßen ein Haus in der Straße Vor dem Steintor 33, das sie 1900 erbauen ließen. Die Familie hatte drei Söhne. Wilhelms jüngerer Bruder Georg wurde 1885 geboren. Wilhelm Stein ging in die Vorschule „Am Steinernen Kreuz“ (von Prof. Walter). Danach besuchte er die Realschule in der Sögestraße, durchlief eine kaufmännische Ausbildung und übernahm nach dem Tod des Vaters 1921 dessen Juwelier-Großhandlung.

1924 heiratete er Georgina Zeckel, geb. am 4.10.1895 in Groningen, Tochter von Wolf Zeckel und Henriette, geb. Goldschmidt. Sohn Rolf wurde am 22.1.1928 geboren. Der zweite Sohn Jost starb 1929 schon nach sieben Monaten. Die Familie wohnte von 1924 an am Sielwall 79 zur Miete bei Frau Gabriele Ahues (gest. 1949). Deren Tochter Catharina schrieb 1966, dass sie „sehr sympathische Hausgenossen“ gewesen seien. Obwohl Stein vielfältige gute Geschäftsverbindungen in Bremen hatte, verließ die recht wohlhabende Familie Bremen und zog 1930 nach Antwerpen (Avenue Heléne 16), wo Wilhelm Stein als Diamantenhändler tätig war.

Georgina Stein berichtete nach dem Zweiten Weltkrieg: „Wir sind im Jahre 1930 nach Antwerpen gezogen, weil mein Mann Angst hatte, dass die Nationalsozialisten in nächster Zukunft an die Regierung kommen können und dass wir alle als Juden dann verfolgt würden. Mein Mann hatte sich schon 1930 entschlossen, seiner Familie das Opfer zu bringen, ins Ausland zu gehen. Er hat Recht behalten, aber er ist trotzdem seinen Schicksal nicht entgangen“.

Tochter Marion kam in Antwerpen am 6.4.1932 zur Welt. Stein unterhielt weiterhin geschäftliche Beziehungen nach Deutschland und hielt sich dabei auch mehrfach in Bremen auf, wo seine Mutter noch (bis 1933) lebte. Sie zog dann nach Berlin-Schöneberg und starb dort am 22.2.1935. Wilhelm Steins Vater war bereits 1921 in Bremen gestorben.

1936 wurde Wilhelm Stein während einer Geschäftsreise in Braunschweig verhaftet und von einem Schöffengericht „wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und vorsätzlicher Einführung von Reichsmarknoten vom Ausland ins Inland“ sowie „Steuerverkürzung“ zu einer Gefängnisstrafe von 1 Jahr und 5 Monaten plus 7000 RM Geldstrafe verurteilt und am 4.11.1936 in die Landesstrafanstalt Wolfenbüttel eingeliefert.

Bei diesem Devisenvergehen spielte offensichtlich eine Frau Marie Brück eine gewichtige Rolle, gegen die Stein finanzielle Forderungen hatte. Ihre Denunzierung hatte zur Folge, dass die Gestapo Stein nach Verbüßung der Strafe nicht freiließ, sondern ihn (als Juden) in "Schutzhaft" nahm, obwohl die Staatsanwaltschaft sogar zuvor einen Antrag auf vorzeitige Entlassung – nach Verbüßung von 2/3 der Strafe – unterstützt hatte. Die Gestapo-Begründung lautete: „Sie haben durch Devisenschiebung und unerlaubte Ausfuhr von Edelmetallen die Gastfreundschaft des deutschen Volkes mißachtet. Hierdurch haben Sie das Wohl des Deutschen Reiches sowie die öffentliche Ruhe, Sicherheit und Ordnung gefährdet“.

Statt in Freiheit kam Stein am 24.11.1937 in das Gefängnis Braunschweig. (Der Überführungsschein enthielt die Bemerkung „Vorsicht Selbstmörder“.) Am 19.6.1938 wurde Wilhelm Stein dort in seiner Zelle erhängt aufgefunden. Da hatte er schon drei Selbstmordversuche aus Verzweiflung hinter sich und weil er fürchtete, nun in ein Konzentrationslager eingeliefert zu werden.

Die Ehefrau hatte von Belgien aus versucht, durch Zahlung hoher Geldbeträge den Ehemann freizubekommen. Vergeblich. Nach der Besetzung Belgiens ging die Familie in die Niederlande, von wo Georgina Stein stammte. Dort mussten sie den Judenstern tragen. Ende 1942 wurden sie aufgefordert, sich nach Westerbork zu begeben. Georgina wusste, dass das die Deportation nach Auschwitz bedeutete und ging in den Untergrund, wo ihre Notlage durch ihre „Retter“ ausgenutzt wurde. Von Februar 1943 bis Mai l945 lebten sie unter falschen Namen in Belgien, die Tochter Marion in einem katholischen Konvikt, der Sohn Rolf bei einem katholischen Pfarrer (Abbé J. Hermand).

Nach dem Krieg wanderte die Familie in die Vereinigten Staaten aus, nahm den Namen Steyn an. Rolf diente in der US-Army und wurde Mediziner. Marion studierte französische Literatur. Georgina Stein starb 1966.

Franz Dwertmann (2026)

Informationsquellen:
StA Bremen Akten 4,54-E3607, -E4474, -E4476