Andreas Köhler, *1903
VERHAFTET 1940, ́VORBEREITUNG HOCHVERRAT`
1941 ZUCHTHAUS BRANDENBURG-GÖRDEN, ERMORDET 5.1.1944
Togo Straße 7
Bremen-Gröpelingen
Verlegedatum: 15.04.2026
Andreas Köhler

Andreas Köhler wurde am 11.4.1903 in Oberschönberg bei Eger/Böhmen als Sohn des Instrumentenbauers Johann Köhler und seiner Frau Eva Köhler geboren.
Er besuchte dort vier Jahre lang die Volksschule und fand danach für einige Monate Arbeit in einer Munitionsfabrik in Wöllersdorf bei Wien, später auf einem Bauernhof in der Steiermark. Kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges kehrte er zu seinen Eltern nach Eger zurück. Der Vater fiel im Krieg und so musste Andreas Köhler seine Mutter und die vier jüngeren Geschwister durch „Hamsterkäufe“ in der bäuerlichen Nachbarschaft unterstützen. Nach dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches wurde seine sudetendeutsche Heimat Teil der Tschechoslowakei und er selbst damit tschechoslowakischer Staatsbürger.
In den 1920er und 1930er Jahren führte Andreas Köhler insgesamt ein unstetes Leben. Beruflich war er als Reisender, Arbeiter und zuletzt als umgeschulter Eisenträger bei der AG Weser tätig. Immer wieder kam es aber auch zu zahlreichen Verurteilungen wegen Diebstahls, Sachbeschädigung oder Desertion, aufgrund derer er insgesamt 29 Monate in Haft saß.
1923 wurde er zum tschechoslowakischen Militär eingezogen: Nach einigen Monaten Militärdienst desertierte er dann über Ungarn und Österreich nach Italien, wo er ein halbes Jahr als Gärtner arbeitete. Im Anschluss reiste er nach Marseille und fuhr vier Jahre lang auf Handelsschiffen. In der Hoffnung, bei größeren Reedereien auf große Fahrt gehen zu können, musterte er aus und ging über Sevilla nach Casablanca. Als der Traum auf die große Fahrt sich nicht realisierte, kehrte er über Marokko nach Spanien zurück. Als er in Barcelona von der Krankheit seiner Mutter erfuhr, beschloss er, in seine böhmische Heimat zurückzukehren. In Eger meldete er sich bei den tschechoslowakischen Behörden, die ihn wegen seiner Desertation zu sechs Monaten Haft verurteilten, die er in Theresienstadt verbrachte.
1934 heiratete er Anna Köhler, am 24.5.1914 geborene Havel. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Die Ehe wurde am 2.8.1943 vom Landgericht Hamburg geschieden.
Durch das Münchener Abkommen im September 1938 wurde die Tschechoslowakei gezwungen, das Sudetenland an Deutschand abzutreten. 1939 wurde Andreas Köhler Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF), einer NSDAP Organisation. Im August 1939 entschloss er sich, zusammen mit seinem Bruder Franz (Jg. 1902) nach England zu gehen, um sich angeblich um eine Erbschaftsangelegenheit zu kümmern. In Wirklichkeit aber hatten sie gehört, dass tschechischen Emigranten eine Prämie von 300 Pfund Sterling winken würde, die sie allerdings nie bekamen. Es folgte eine Odyssee über die Schweiz und Frankreich. Bei Schaffhausen überquerten sie illegal die Schweizer Grenze: nur Andreas Köhler hatte einen Pass. Die Schweizer Behörden griffen sie auf und schoben sie über die französische Grenze bei Belfort ab. In Paris wohnten die Brüder dann in einem Asyl, gaben sich als tschechische Emigranten aus und bemühten sich um eine Einreise nach Großbritannien, die ihnen als Sudetendeutsche jedoch verweigert wurde. Also fuhren sie nach Calais, in der Hoffnung, von dort nach Großbritannien zu gelangen. Laut der Aussage von Andreas Köhler um einer drohenden Rekrutierung in die tschechoslowakische Exilarmee zu entgehen.
In Calais wurden sie von der Gendarmerie aufgegriffen und an die tschechoslowakische Vertretung in Lille überstellt, wo sie Arbeitsdienste leisteten, bevor sie zu den tschechoslowakischen Exiltruppen gebracht wurden, die seit September 1939 im südfranzösischen Agde stationiert waren. Andreas Köhler wurde der 7.Kompanie des 1. Infanterieregiments zugeteilt. Nach dem Überfall auf Frankreich kämpften einige der tschechoslowakischen Regimenter an der Seite der französichen Armee gegen die deutschen Invasoren.
Franz Köhler war mittlerweile nach Signe bei Toulon versetzt worden. Die beiden Brüder beschlossen, sich dort im Rahmen eines Urlaubs von Andreas zu treffen und über die Pyrenäen nach Spanien zu fliehen. Am 28.3.1940 fuhren Andreas und Franz Köhler nach Perpignan und überschritten den Tag darauf die Grenze. Am Tag darauf stellten sie sich den spanischen Behörden und wurden an das deutsche Konsulat in Barcelona überstellt. Über Italien kehrten sie dann in den Machtbereich der Nationalsozialisten zurück: Franz ging ins zwischenzeitlich vom Deutschen Reich annektierte Eger, Andreas fuhr nach Berlin. Er meldete sich beim Amt als „Spanienrückkehrer“ und zog weiter nach Bremen, wo er bis zu seiner Verhaftung am 18.5.1940 blieb.
Am 9.6.1940 wurde der arbeitslose Instrumentenbauer Franz Köhler festgenommen und wie sein Bruder Andreas im Untersuchungsgefängnis Eger inhaftiert.
Die Aussagen der Brüder im nachfolgenden Prozess waren widersprüchlich und nicht vollständig zu be- bzw. widerlegen. Es ging dabei um die Frage, ob Andreas und Franz aufgund ihres Einsatzes in der tschechoslowakischen Exilarmee freiwillig oder gezwungenermaßen "Waffendienst gegen das Deutsche Reich" geleistet hatten. Hier blieb auch Andreas widersprüchlich: zum einen behauptete er, er sei zwangsrekrutiert worden. An anderer Stelle sagte er aus, sie hätten sich freiwillig gemeldet, um der drohenden Zwangsrekrutierung in die Fremdenlegion zu entgehen und um die Alliierten besser ausspähen zu können. Wieder an anderer Stelle hieß es, sie wollten ein Internierungslager vermeiden.
Der 1. Senat des Volksgerichtshofes verurteilte beide Brüder am 16.12.1940 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Waffenhilfe" zu je zehn Jahren Zuchthaus und Ehrverlust. Während des Prozesses waren beide im Zuchthaus Moabit inhaftiert.
Andreas Köhler wurde am 17. Januar 1941 unter der Zugangsnummer 1029/40 im Zuchthaus Brandenburg-Görden aufgenommen. 1942, wie lange ist unklar, war er zwischenzeitlich im Zuchthaus und Konzentrationslager Sonnenberg, im heutigen Polen inhaftiert.
Zurück im Zuchthaus Brandenburg-Göhrden verstarb Andreas Köhler am 5.1.1944 angeblich an Lungentuberkulose.
Franz Köhler wurde am 23.12.1943 vom Zuchthaus Brandenburg-Göhrden in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
Michael Berthold (2025)
Informationsquellen:
Staatsarchiv Bremen, Einwohnermeldekartei
Bundesarchiv Berlin, BArch R 3017/3988
Wikipedia Tschechoslowakische Exilarmee (Stand 4/2026)
Abbildungsnachweis: Bundesarchiv Berlin (Polizeifoto)

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