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Maria Waltemath, geb. Diederich, *1904

SEIT 1938 MEHRMALS EINGEWIESEN NERVENKLINIK
́VERLEGT` 9.12.1943, HEILANSTALT MESERITZ-OBRAWALDE ERMORDET 7.1.1944


Schwarzer Weg 42
Bremen-Gröpelingen

Verlegedatum: 15.04.2026

Maria Waltemath

Maria Waltemath

Maria Waltemath, geb. Diederich, wurde am 17.5.1904 in Göttingen geboren. Ihre Mutter war die am 28.8.1873 geborene Haushälterin Aloisia Elisabeth Diederich. Sie lebte zur Zeit der Geburt ihrer Tochter in Wollbrandshausen im Kreis Duderstadt. Nachdem sie wegen psychischer Probleme mehrere Jahre in einer Anstalt in Lüneburg verbracht hatte, kam sie im August 1912 mit der Diagnose „Schizophrenie“ in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Liebenburg (nördlich von Goslar). Dort starb sie an Unterversorgung. Maria hatte eine Schwester, Else, die nach ihrer Heirat den Nachnamen Voigt führte und in Bremen lebte. Der Name des Vaters ist nicht bekannt. Die Familie war katholischen Glaubens.

Maria Waltemath wuchs zunächst im Haus ihres Großvaters auf. Sie besuchte die Volksschule. 1913 kam sie ins Schlosswaisenhaus Henneckenrode (südlich von Hildesheim), das von den Barmherzigen Schwestern betrieben wurde.

Von ihrem 15. Lebensjahr bis zu ihrer Heirat arbeitete sie als Haushaltshilfe („in Stellung“). Bis Anfang 1931 wohnte sie in Delmenhorst. Am 7.7.1933 heiratete sie in Bremen den Hafenaufseher und späteren Seemann Ludwig Emil Hermann Waltemath, geboren am 16.12.1907 in Linden/Hannover. Sie wohnten in Gröpelingen, Schwarzer Weg 42. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Antonie, geb. 1933; Uwe, geb. 1935 und Kurt, geb. 1938, der sehr früh starb.

Maria Waltemath wurde zwischen 1938 und 1942 fünfmal in die Bremer Nervenklinik in Osterholz eingewiesen. Zunächst lautete die Diagnose „Psychogene Reaktion“, später dann „Schizophrenie“. Ihre erste Einweisung erfolgte am 1.12.1938, sechs Monate nach der Geburt ihres dritten Kindes. Anfang Januar 1939 wird sie als „gebessert“ entlassen.

Sie hält sich zunächst drei Wochen bei einer Tante auf, kehrt danach aber in die eigene Wohnung zu ihrem Mann zurück. Auf ihr Drängen werden auch die beiden im Heim untergebrachten Kinder Antonie und Uwe „versuchsweise“ nach Hause geholt. Vermutlich war Kurt da schon gestorben.

Schon am 14.2.1939 wird sie erneut in die Bremer Nervenklinik gebracht. Ihr Mann liegt zu der Zeit im Städtischen Krankenhaus St.-Jürgen-Straße. Der Grund für die Einlieferung ist ein versuchter Suizid. Maria Waltemath hatte sich am Abend des 10.2.1939 auf die Fahrbahn der Grambker Heerstraße gelegt. Ein Autofahrer konnte zwar noch ausweichen, sein Fahrzeug prallte aber gegen einen Baum. Noch in derselben Nacht wurde Maria Waltemath ein zweites Mal von der Polizei aufgegriffen. Sie hatte auf Höhe des Burger Sees hinter einem Straßenbaum gestanden. Gegenüber der Polizei gab sie an, sie habe zu ihrem Kind gehen wollen.

Im Juli 1939 lautet die ärztliche Diagnose „Schizophrenie“. Damit fällt sie unter das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Ein Verfahren wegen Unfruchtbarmachung (Zwangssterilisation) wird eingeleitet. Am 11.8.1939 ordnet das Erbgesundheitsgericht die Durchführung an.

Der Zustand von Maria Waltemath verschlechtert sich weiter. Sie fühlt sich fremdbestimmt und äußert den Verdacht, man betreibe Studien mit ihr. Im Juni 1940 wird sie als „ungeheilt“ entlassen, zugleich „zur Röntgensterilisation“ in die Frauenklinik der Städtischen Krankenanstalten St.Jürgen-Straße eingewiesen.

Bereits am 29.8.1940 beginnt Marie Waltemaths dritter Aufenthalt in der Nervenklinik. Ihr Mann ist inzwischen „zum Wehrdienst einberufen“ worden, wie er Anfang September aus der Brommy-Kaserne in Brake schreibt. Anfang November 1940 kommt sie wieder nach Hause.

Am 3.6.1941 wird sie erneut in die Nervenklinik eingewiesen. Sie spricht und isst nicht, ist abgemagert und wirkt desorientiert. Meist sitzt sie nur still da. Ihr Mann holt sie im November aber zurück nach Hause. Er will „noch einmal einen Versuch mit ihr machen“. Der Versuch scheitert; am 13.2.1942 bringt ihr Mann sie in die Nervenklinik zurück. Im Laufe des Jahres erfolgt die Scheidung von ihrem Mann.

Nach der Bombardierung der Bremer Nervenklinik Ende November 1943 wurde Maria Waltemath am 9.12.1943 in die Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde „verlegt“. Dort wurde sie am 7.1.1944 ermordet. Die genaue Todesursache ist nicht bekannt. Sie wurde 39 Jahre alt.

Ihr geschiedener Mann wanderte 1949/1950 in die USA aus, wahrscheinlich zusammen mit Tochter Antonie. Beide lebten in New York.

Hans-Ulrich Brandt (2026)

Informationsquellen:
StA Bremen Einwohnermeldekartei
StA Bremen 4,54-E4744; 4,54-E4744/E
Archiv Klinikum Bremen-Ost, Krankenakte Nr. 17557
Bremer Zeitung (BZ) vom 12.2.1939
Stadtarchiv Göttingen

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Euthanasie" / Zwangssterilisation
Glossarbeitrag "Heilanstalten"