Biografie im Erinnerungsportal, kein Stolperstein vorhanden
Ernst Neumann, *1910
1941 Bremer Nervenklinik, 1942 "verlegt" Hadamar, ermordet 4.12.1942
Buntentorsteinweg
Bremen-Neustadt
ehemalige Straßenbezeichnung: Buntentorsteinweg 94
Ernst Neumann
Ernst Hans Neumann wurde am 22.5.1910 in Hannover geboren. Seine Mutter war die 17-jährige unverheiratete Friederike Neumann. Der Erzeuger weigerte sich lange die Vaterschaft anzuerkennen und Alimente zu zahlen. Friederike Neumann konnte anscheinend keine liebevolle Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Von ärztlicher Seite hieß es Mitte der 1930er Jahre, sie hätte eine nahezu „feindliche“ Haltung ihrem Sohn gegenüber entwickelt, welche sich im Laufe seines Lebens nicht änderte.
Schon früh zeigte Ernst Neumann auffälliges Verhalten und war nur schwer anzuleiten. Als Neunjähriger wurde er in Pflege gegeben. Anscheinend wurde auch die Pflegemutter mit dem schwierigen Kind nicht fertig, so dass er im Waisenhaus Weissenberg aufgenommen wurde (1919). Dort besuchte er die Volksschule bei mäßigen Zensuren.
Nach seiner Konfirmation 1924 kam er zu einem Bauern zur Ausbildung in der Landwirtschaft. Auch hier zeigt sich sein unbändiges, nicht regulierbares Wesen. Er verhielt sich nicht altersgemäß, 1929 hieß es, er sei „geistig beschränkt“. Im gleichen Jahr traten bei dem 18-Jährigen die ersten epileptischen Anfälle auf, nach sechs Jahren entwickelten sich die für diese Krankheit typischen charakterlichen Veränderungen. Er wurde als aufbrausender, „unverträglichen Charakter“ beschrieben, mit dem auszukommen sehr schwer war. 1931 folgte der Aufenthalt in einem Erziehungsheim, danach lebte er eine Zeitlang in einem Bremer Obdachlosenheim und war in der Folgezeit in Landpflegestellen untergebracht.
1937 wurde ein Verfahren zur Unfruchtbarmachung eröffnet und er in den Monaten Mai und Juni 1937 in der Heil- und Pflegeanstalt Göttingen diagnostisch beobachtet. Seine Epilepsie wurde als genetisch eingestuft. Im ärztlichen Gutachten vom Juni 1937 heißt es, Ernst Neumann leide an einer „schweren angeborenen, geistigen Minderwertigkeit“. Ob dies erblich sei, könne mit den vorliegenden Fakten nicht nachgewiesen werden.
In diesem Verfahren konnte Ernst Neumann sich aufgrund fehlender geistiger Fähigkeiten nicht selbst vertreten. Deshalb wurde ihm sein bäuerlicher Arbeitgeber als „Rechtspfleger“ zur Seite gestellt. Er lebte und arbeitete zu dieser Zeit in Ostertimke (Landkreis Rotenburg/Wümme). Angestrengt hatte das Verfahren der dort zuständige Bremervörder Amtsarzt, der sich im Laufe der Zeit vehement immer wieder für die Sterilisation gegenüber dem Erbgesundheitsgerichts in Stade einsetzte. Die Sterilisation wurde 1938 durchgeführt.
In Bremen lebte Ernst Neumann seit 1939 an vielfach wechselnden Adressen, jeweils in Abhängigkeit zu den häufigen Wechseln seines Arbeitsplatzes. Zuletzt wohnte er in einer Unterkunft des „Anstaltsarbeitsbetriebs“ am Buntentorsteinweg 94 (heute: Werkstatt Bremen Martinshof). Von dort fuhr er am16.7.1941 selbständig mit der Straßenbahn in die Bremer Nervenheilanstalt, in der Tasche die Klinikeinweisung seines Arztes, aufgrund der gehäuften Epilepsieanfälle.
In der Nervenheilanstalt arbeitete er gut und fleißig in der Feldkolonne. Manchmal äußerte er sich gereizt über die Verpflegung, die seiner Ansicht nach nicht ausreichend war. Er wurde dafür gerügt und durfte nicht mehr draußen arbeiten, was Ernst Neumann nicht gefiel, er arbeitete gerne auf dem Feld.
Am 14.8.1942 wurden mehr als 120 männliche Patienten von Bremen nach Hadamar verlegt; darunter auch Ernst Neumann. Sie wurden Opfer der dezentralen "Euthanasie“ zwischen 1942 und 1945. Die meisten der verlegten Patienten starben infolge von Medikamentenüberdosierungen, durch Nahrungsentzug, pflegerische oder medizinische Vernachlässigung.
Der 30-jährige Ernst Neumann starb am 4.12.1942. Die offizielle Todesursache lautete: „Epilepsie“.
Die Verlegung eines Stolpersteines ist nicht möglich, weil die frühere Bebauung und Straßenführung nicht mehr besteht.
Kornelia Renemann (2026)
Informationsquellen:
StA Bremen Einwohnermeldekartei, Bestand 4.60/5
Gedenkstätte Hadamar, Archiv des Landeswohlfahrtsverbands Hessen, Krankenakte
Weitere Informationen:
Glossarbeitrag "Euthanasie" / Zwangssterilisation
Glossarbeitrag "Heilanstalten"

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