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Bertha Liebenwalde, *1919


FLUCHT 1939 HOLLAND, INTERNIERT WESTERBORK, DEPORTIERT 1943 AUSCHWITZ, ERMORDET 19.2.1943


Berliner Straße 37
Bremen-Östliche Vorstadt

Verlegedatum: 14.04.2026


Berliner Straße 37 - Weitere Stolpersteine:


Bertha Liebenwalde

Bertha Liebenwalde

Familienbiografie

Henry Liebenwalde
Amalie Liebenwalde, geb. Warschauer
Bertha Liebenwalde

Henry Liebenwalde wurde am 29.1.1882 in Meseritz (früher Provinz Posen) geboren. Seine Mutter Clara, geb. Krotoschin, starb bei seiner Geburt. Sein Vater Theodor (geb. 1854) nahm dies zum Anlass, in die USA auszuwandern. So wuchs Henry bei seinem Onkel Moritz Wolfsky in Berlin auf. Dort legte er auch das Abitur ab.

Am 19.11.1907 heiratete er in Gnesen Amalie Warschauer (geb. 25.4.1881 in Gnesen), Tochter von Magnus Warschauer und Ehefrau Bertha, geb. Zippert. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Klara Ursula (geb. 1908 in Meseritz), Ernst Günther (geb. 1911 in Küstrin) und Bertha Hedwig (geb. 1.4.1919 in Bremen).

1909 lebte die Familie in Küstrin, dort erwarb Henry Liebenwalde das Textilwarengeschäft M. Landsberg Nachf. Die Firma erlosch 1915 infolge eines Konkursverfahrens. 1914 war die Familie bereits nach Bremen gezogen. Hier arbeitete er als Leiter der Stoff- und Textilwarenabteilung im Kaufhaus Bamberger. Von 1915 bis 1918 nahm er als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Anschließend konnte er seine bisherige Tätigkeit bei Bamberger wieder aufnehmen. 1922 machte er sich als Handelsvertreter selbständig und vertrieb vor allem gestrickte Wolljanker. Da er im Sehen und Hören beeinträchtigt war, ließ er sich von einem Chauffeur fahren. Ab 1933 wurde seine Geschäftstätigkeit immer mehr durch die NS-Boykotte erschwert, was zu erheblichen Umsatzeinbußen führte.

Die Familie wohnte anfangs im Geeren 21, dann von 1920-1928 in der Doventorstraße 2/4 und in den Jahren 1929/30 an der Contrescarpe 152. Von dort zogen sie in eine 5-Zimmer Komfortwohnung mit Küche, Bad und Zentralheizung an der Tiefer 33/34. Allerdings mussten sie sich schon nach zwei Jahren aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse verkleinern und wohnten ab 1932 in einer 3-Zimmer-Wohnung in der Berliner Straße 37. Henry Liebenwalde war Mitglied im Segelverein, in einem Kegelverein und besaß ein eigenes Boot.

Im Oktober 1938 meldete er seine Handelsvertretung ab, war arbeitslos und wurde zu Straßenbauarbeiten zwangsverpflichtet. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde er verhaftet und mit den anderen Bremer Juden in das KZ Sachsenhausen eingewiesen. Er wurde am 5.12. entlassen, nachdem er eine Einreisegenehmigung in die Niederlande vorweisen konnte, die ihm seine Tochter Klara beschafft hatte. Sie war bereits 1935 dorthin ausgewandert.

Am 24.12.1938 reisen Henry und Amalie Liebenwalde über Oldenzaal in die Niederlande ein und flüchten zunächst nach Rotterdam. Sie waren zunächst im Flüchtlingslager Heyplaat und anschließend bis zum 4.8.1939 im Flüchtlingslager Koninginnehoofd in Rotterdam untergebracht. Danach wurden sie aus dem Lager entlassen. Es war ihnen aber als Auflage für den Aufenthalt in den Niederlanden untersagt eine Arbeit aufzunehmen, so wurden sie vom Comité voor Joodsche Vluchtelingen unterstützt. Am 22.5.1939 reichte Henry ein Gesuch beim "Ministerium für innere Sachen" ein, in dem er um Entlassung aus dem Lager bat. Er begründete dies mit der schlechten nervlichen und gesundheitlichen Verfassung seiner Ehefrau, wofür er im Lager keine Besserungsaussichten sah.

Tochter Bertha war Putzmacher-Lehrling und wohnte nach der Flucht der Eltern für wenige Wochen noch bei der Witwe von Ludwig Weiß, in der Brahmsstraße 3, bis sie sich am 30.12.1939 gleichfalls nach Rotterdam abmeldete. Von März bis Mai 1940 kam sie zunächst im Zentralflüchtlingslager in Westerbork unter.

Am 14./15.5.1940 wurde Rotterdam bombardiert. Davon war auch der Aufenthaltsort der Familie Liebenwalde betroffen. Vermutlich zogen sie daraufhin nach Bussum, Heerenstraat 27. Ab Juli 1942 wurden die jüdischen Flüchtlinge von dort in das Durchgangslager Asterdorp/Amsterdam eingewiesen. Dort war ihre letzte Adresse: Blauwe Distelweg 41.

Am 27.1.1943 wurde die Familie über Kamp Vught (= KZ Herzogenbusch) am 29.1. im Sammellager Westerbork interniert.

Am 16.2.1943 wurden sie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Am 18. erreichte der Transport Auschwitz. Von den 1.108 Personen wurden 847 den Gaskammern zugeführt. Henry, Amalie und Bertha Liebenwalde wurdem am 19.2.1943 ermordet.

Ihre Tochter Klara hatte eine kaufmännische Lehr absolviert, war dann drei Jahre als Stenotypistin bei den Bremer Nachrichten tätig. Von 1930 bis 1933 war sie in diesem Beruf bei der Firma Epa angestellt, wo sie 1933 als Jüdin entlassen wurde.Am 16.9.1935 meldete sie sich nach Rotterdam ab. Dort hat sie am 3.1.1936 Paul de Vries geheiratet. Er war in Bremen Dekorateur gewesen, hatte in der Brückenstraße 24 gewohnt und war bereits im August 1933 in die Niederlande ausgewandert.

Das Ehepaar lebte bis 1940 in Rotterdam. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurden sie zunächst nach Blaricum evakuiert, 1942 dann in ein Flüchtlingslager in Amsterdam. Vor der drohenden Deportation durch die NS-Besatzer im September 1942 konnten sie sich in einem Versteck retten. Sofort danach sind sie untergetaucht. Zunächst sechs Monate in Den Haag, anschließend in Leiden unter acht weiteren Adressen, teils unter schwierigsten Bedingungen, bis zur Befreiung am 5.5.1945.

Ihr Sohn Günther verzog 1933 nach Hamburg. Ihm gelang die Flucht nach Shanghai. Dort heiratete er Hertha Knopp (geb. 1920 in Berlin), geschiedene Mazur. Sie war 1939 nach dort geflüchtet. 1947 wanderte das Ehepaar nach San Franzisco aus.

Peter Christoffersen (2026)

Informationsquellen:
StA Akten 4,54-E10754, -E10755, -E10046, Einwohnermeldekartei
Arolsen Archives
Czech, Danuta: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989
www.cuestrin.de/ahnenforschung (Handelsregister)
www.joodsmonument.nl/nl/page/389249/asterdorp
www.spurenimvest.de/2024/10/25/knopp-alfred/

Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Westerbork
Glossarbeitrag Auschwitz