Biografie im Erinnerungsportal, kein Stolperstein vorhanden
Moritz Goldschmidt, *1885
1941 Deportiert Ghetto Minsk, Ermordet
Humboldtstraße 10
Bremen-Mitte
Moritz Goldschmidt
Familienbiografie
Moritz Goldschmidt
Wilhelmine Goldschmidt, geb. Sternberg
Moritz Goldschmidt wurde am 9.5.1885 in Netra/Kreis Eschwege geboren, als Sohn des Händlers David Goldschmidt und dessen Frau Sara Sarchen, geb. Katz. Er hatte eine Schwester Fanny, verheiratete Auerhann, und vier Brüder: Levy, Salo Simon, Salomon und Berthold. Moritz besuchte acht Jahre eine jüdische Elementarschule und machte anschließend in Eschwege eine kaufmännische Lehre. In den folgenden Jahren arbeitete er als angestellter Verkäufer und Reisender in Recklinghausen und Bassum.
Wilhelmine Sternberg wurde am 1.3.1891 in Neustadtgödens geboren, als Tochter des Viehhändlers Heimann Sternberg und dessen dritter Frau Veronika, geb Josephs. Als Wilhelmine neun Jahre alt war, verzog die Familie nach Jever. Nach ihrem Schulabschluß lernte sie gemeinsam mit ihren Schwestern den Beruf der Damenschneiderei und erlangte einen Meistertitel.
Moritz Goldschmidt nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und wurde schwer verwundet. Nach dem Krieg arbeitete er als selbständiger Vertreter. Am 21.8.1921 heiratete er in Jever Wilhelmine Sternberg.
Das Paar verzog nach Delmenhorst, wo am 3.8.1922 der Sohn Herbert zur Welt kam. 1924 übernahm Moritz Goldschmidt das Betten- und Weißwarengeschäft der Firma Harms in der Bahnhofstraße 12. Wilhelmine Goldschmidt betrieb bis 1933 im Geschäft eine Damenschneiderei mit einer Angestellten. Am 15.12.1927 kam ihr Sohn Karl zur Welt. Das gutgehende Geschäft mittlerer Größe ermöglichte den Bezug einer großzügigen Wohnung in der Bahnhofstraße 15.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, mit der zunehmenden Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und dem Boykott ihrer Geschäfte, verringerte sich zunehmend der Umsatz. 1936 musste das Geschäft in der Bahnhofstraße aufgegeben werden. Nach einem Umzug in eine kleinere Wohnung in der Rosenstraße 58, konnte von dort nur noch mit Restbeständen gehandelt werden.
Wilhelmine Goldschmidt versuchte den Einkommensverlust auszugleichen, indem sie Garderobe für flüchtende Juden schneiderte und im Auftrag jüdischer Organisationen weibliche Lehrlinge für ihre Auswanderung nach Palästina ausbildete. Auch der Sohn Herbert machte, mit dem Plan auszuwandern, eine Ausbildung zum Landwirt und Gärtner.
In der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde Moritz Goldschmidt, wie zehn jüdische Männer aus Delmenhorst, verhaftet und unter Drohungen ins Gerichtsgefängnis gebracht. Anschließend wurden die Männer in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo sie schwer misshandelt wurden. Am 15.12. wurde er entlassen mit der Auflage auszureisen. Das Bemühen ein Affidavit zu bekommen, blieb erfolglos. Ihre Söhne (11 und 16 Jahre) konnten jedoch Anfang 1939 mit Kindertransporten nach England geschickt werden.
Ihr Guthaben gaben die Eheleute im Frühjahr 1939 mit 704 RM aus dem Geschäft an. Die Schneiderei verfügte über ein Guthaben von 2.557 RM. Hiervon waren 2.299 RM auf ein Sicherungskonto zu überweisen. Nur mit Genehmigung der Finanzbehörde konnten die Goldschmidts hierüber verfügen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Nach einem weiteren Umzug zu einem jüdischen Vermieter, beschloss das Ehepaar Ende 1939 Delmenhorst zu verlassen. Hier lebten zu diesem Zeitpunkt nur noch 21 Juden. Sie verkauften die Einrichtung ihres Eßzimmers weit unter Wert und zogen am 5.12.1939 nach Bremen in das „Judenhaus“ Humboldstraße10. Sie lebten unter beengten Verhältnissen und zunehmender Entrechtung bis zu ihrer Deportation.
Am 18. November 1941 wurden sie, wie 443 jüdische Einwohner Bremens, in das Ghetto Minsk deportiert. Dort fielen sie den unmenschlichen Bedingungen oder einer der Massenmordaktionen, die Ende Juli 1942 begannen, zum Opfer.
Die Söhne überlebten. Herbert Goldschmidt lebte in London als Landschaftsgärtner. Karl (Charles) Goldschmidt lebte ab 1947 in den USA.
In Delmenhorst wurden Stolpersteine für Moritz und Wilhelmine Goldschmidt in der Bahnhofstraße 12 verlegt.
Christa Rödel (2026)
Informationsquellen:
StA Bremen Einwohnermeldekartei, Akten 4,54-E10201, Rü 6141, Ra 1184
Frerichs, Holger: Biografie Moritz Sternberg und Familie, auf: www.heimatvereinvarel.de/archiv.html (Stand 4/2024)
Meyer, Enno: Geschichte der Delmenhorster Juden 1695-1945, Oldenburger Studien 26, Oldenburg 1985
Weitere Informationen:
Glossarbeitrag Minsk

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