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Biografie im Erinnerungsportal, kein Stolperstein vorhanden

Willy Stein, *1892

1942 Deportiert Riga, ermordet


Außer der Schleifmühle 27
Bremen-Mitte

Willy Stein

Willy Stein

Familienbiografie
Willy Stein
Charlotte Stein
Kurt Gustav Stein
Herbert Hugo Stein

Willy Stein wurde am 7.9.1892 in Bremen geboren. Seine Eltern waren Philipp und Betty, geb. Herz. Willy hatte vier Brüder (Walter, Adolf, Paul und Edward) und eine Schwester (Bella).

Nach dem Abitur machte er eine kaufmännische Ausbildung in der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Willy nahm am Ersten Weltkrieg teil und machte sich danach im Getreidemittelhandel selbständig. Seit dem 28.12.1918 wohnte Willy Stein Vor dem Steintor 45, hat aber zeitweise auch in Berlin-Charlottenburg gelebt.

1923 heiratete er in Berlin-Schöneberg Charlotte Blank. Das Ehepaar zog nach Bremen und bekam dort zwei Söhne: Herbert, geboren 1925, und Kurt Gustav, geboren 1930. Ab 1928 wohnte die Familie Außer der Schleifmühle 27. Die Söhne wuchsen wohlbehütet in einem gutbürgerlichen Milieu auf, in einem gastfreundlich-offenen Haus, wo die Zugehörigkeit zum Judentum offenbar nur eine untergeordnete Rolle spielte, Riten und Gebräuche wurden nicht streng praktiziert.

Die Situation der Familie änderte sich grundlegend mit der NS-Herrschaft. 1934 wurde Steins Getreideunternehmen „arisiert“. Die Quasi-Enteignung der Firma und die damit verbundene Verschlechterung der Lebensumstände führten zum Umzug der Familie nach Berlin im Februar 1938. Dort besaß Steins Ehefrau ein Mietshaus in Schöneberg, Gossowstraße 1. Die Familie wohnte dort im 1. Stock oberhalb einer Gastwirtschaft mit Kegelbahn.

Die zunehmenden Repressionen nach der Reichspogromnacht und die fehlende berufliche Perpektive auch in Berlin führten zu dem Entschluss zu emigrieren, und zwar nach Shanghai, wo für die Einreise keine Visa erforderlich waren. Nachdem Formalitäten wie Auswanderungssteuern erledigt und die Schiffspassage ab Genua gebucht war, machte die Familie sich Ende August 1939 auf den Weg, der aber schon in Innsbruck endete. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Grenzen – auch nach Italien – geschlossen. Die Steins mussten notgedrungen nach Berlin in ihre fast leere Wohnung zurückkehren. Der Vater wurde dort 1941 zur Zwangsarbeit – am Fließband bei Daimler-Benz – verpflichtet.

Am 19.10.1942 wurden Willy und Charlotte Stein mit ihren Söhnen nach Riga deportiert. Nachdem sie eine zweitägige Eisenbahnfahrt in qualvoller Enge hinter sich hatte, wurde die Familie bei der Ankunft in Riga auseinandergerissen. Der damals zwölfjährige – und damit nicht arbeitsfähige – Kurt Gustav und seine Mutter wurden vom Vater getrennt, der in Jungfernhof sofort erschossen wurde. Mutter Charlotte und Kurt Gustav wurden ebenfalls am 22.10.1942 im Ghetto Riga ermordet.

Der 17-jährige Sohn Herbert musste zunächst dort und dann im KZ Kaiserwald (nahe Riga) harte körperliche Arbeit leisten, kam in das KZ Stutthof bei Danzig, von da ins Arbeitslager Stolp. Zurück nach Stutthof erkrankte er an Polio und wurde schließlich von der Roten Armee befreit. Er kehrte zurück nach Berlin, wo er keine Verwandten mehr vorfand und wanderte 1950 in die USA aus. Dort heiratete er eine gebürtige Berlinerin, die ebenfalls Holocaust-Überlebende war, und bekam mit ihr drei Kinder. Mit ihnen sprach er lange nicht über seine Erlebnisse. Erst Ende der 1990er Jahre gab er der Shoah Foundation ein ausführliches Interview. Er starb 2004.

In der Gossowstraße 1 in Berlin-Schöneberg sind vier Stolpersteine für die Familie Stein verlegt worden. In Bremen wurde daher auf eine weitere Verlegung verzichtet.

Franz Dwertmann (2025)

Informationsquellen:
StA Bremen Einwohnermeldekarte
www.stolpersteine-berlin.de [Stand 11/2025]
www.statistik-des-holocaust.de [Stand 11/2025]
Washingtonpost.com (20.3.2004)/Interview Shoah Foundation (Steven Spielberg)

Abbildungsnachweis: Copyright Claudia Donnelly