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Glossar

Polenaktion 28./29.10.1938

Um 1938 (Anschluss Österreichs, Besetzung des Sudetenlandes) setzte eine verstärkte Rückwanderung polnischer Staatsangehöriger jüdischen Glaubens nach Polen ein. Waren es in den Jahren 1934 bis 1936 kaum 1.000 Personen, so stieg die Zahl 1937 bereits auf gut 11.000 Rückkehrer an. Verursacht durch die NS-Gesetze, war die Mehrzahl der Remigranten nahezu mittellos. Die polnische Regierung wollte auf diesem Wege insbesondere eine weitere Rückwanderung aufhalten. Das Parlament verabschiedete am 31. März 1938 ein Gesetz, nach dem allen polnischen Staatsbürgern, die länger als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland gelebt hatten, die Staatsbürgerschaft entzogen werden sollte, da jene, so wurde argumentiert, ihre Verbindung zur polnischen Nation verloren hätten.

Die polnische Regierung erlag mit dieser Maßnahme einer verhängnisvollen Fehleinschätzung, die die Skrupellosigkeit der deutschen Reichsregierung nicht vorhersah. Die Situation eskalierte, als das polnische Innenministerium am 6.10.1938 anordnete, dass alle im Ausland lebenden polnischen Bürger die Gültigkeit ihres Passes in den Konsulaten zu bestätigen hätten, andernfalls wäre ein Grenzübertritt nach dem 29.10.1938 nicht mehr möglich. Der Vorwand für die Ausweisung war geliefert.

Diese Maßnahmen würden bedeuten, „daß die in Deutschland lebenden zahlreichen polnischen Juden dauernd in Deutschland geduldet werden müssten“. So Heydrich in Vertretung Himmlers am 26.10.1938, der die Ausländerbehörden „ersuchte“ zum 29.10.1938 entsprechende Aufenthaltsverbote auszusprechen. Diese reagierten umgehend, konnten sie doch auf entsprechende Registrierungslisten zurückgreifen. Im Reichsgebiet lebten seinerzeit etwa 72.000 polnische Juden.

In der Nacht vom 28./29. Oktober begannen, für die Betroffenen vermutlich völlig überraschend, die Deportationen. Nach ihrer Verhaftung wurden sie in Zügen hauptsächlich zu den Grenzorten Konitz (Chojnice/Pommern), Bentschen (Zbąszyń/Posen) und Beuthen (Bytom/Oberschlesien) gebracht und über die Grenze abgeschoben. Da ein „geordneter“ Grenzübertritt bald nicht mehr möglich war, wurden die Menschen mit Gewalt über die „grüne Grenze“ getrieben. Jede Person durfte nur 10 RM bei sich führen, die Mitnahme von Handgepäck wurde überwiegend geduldet, dennoch kam es auch zu Ausplünderungen durch deutsche Schlägertrupps. Die Schlüssel für Wohnungen, Läden u. Werkstätten mussten der Polizei übergeben werden. Vermutlich mehr als 17.000 Menschen wurden Opfer dieser Aktion. Sie kann bereits als Vorübung für die später einsetzenden Verfolgungsmaßnahmen angesehen werden.

In Bremen wurden die Betroffenen in der Nacht vom 27./28.10. abgeholt, zum Lloydbahnhof (Empfangsgebäude für den Auswandererverkehr nach Bremerhaven östlich der Bahnhofshalle) gebracht und deportiert. Der Bürgermeister berichtete dem Reichsführer-SS: „Die Juden sind am 29. Oktober 1938 bei Fraustadt auf polnisches Gebiet überstellt worden“. Die Anzahl ist ungewiss. Die offizielle Abschiebeliste weist die Namen von 80 Personen auf. Der Vorsteher der Israelitischen Gemeinde Bremen ging nach dem Kriege von etwa 200 Personen aus, da er vermutlich nichtregistrierte Familienangehörige einbezog. Die Bremer Nachrichten berichteten nicht über die Abschiebung. Erst am 1.11.1938 findet sich eine Notiz, in der auf deutsch-polnische Verhandlungen hingewiesen wurde, infolgedessen „die beiderseitigen Maßnahmen der Ausweisung“ eingestellt worden seien.


Quellen / Weitere Informationen:
Jerzy Tomaszewski, Auftakt zur Vernichtung, Warschau 1998/Osnabrück 2002

Benz (Hrsg.), Lexikon des Holocaust, München 2002

Regina Bruss, Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus, Bremen 1983

Günther Rohdenburg (Bearb.), »Judendeportationen« von Bremerinnen und Bremern während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, 2. überarb. Aufl., Bremen 2009

Polizei.Gewalt. Bremens Polizei im Nationalsozialismus, Ausstellungskatalog 2011

Bremer Nachrichten v. 1.11.1938 (S. 2)


Peter Christoffersen (2011)


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